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Vor dem Übertritt

Es häufen sich die Momente, in denen mir die Worte fehlen. Je mehr Filme ich anschaue, Clips, Reels, Shorts oder Stories, Posts und Lifehacks, je öfter ich mein Gehirn mit neuem Content überflute, umso tiefer versickern meine eigenen Gedanken. Sie verbinden sich nicht mehr, der eine mit dem nächsten, sie geraten ins Stocken. Was früher ein Strom war, verkümmert zum Rinnsal, das sich auflöst in der Flut. Ich werde sprachlos und stumm, während ich weiterklicke. Darauf läuft es hinaus.

Ist es das, was erwünscht ist? Soll die Fülle mich leeren, was gewesen ist, ersetzen? Soll die winzige Einheit, die ich bin im Universum, einzigartig als Person mit Charakter und Haltung, (wie wir uns selbst beschrieben), ein Hohlkörper werden? Braucht es das als Ausgangslage für den langsamen Austausch? Soll ich mich lösen von mir selbst, damit ich mich nach Content sehne, empfangsbereit werde und bleibe? Wird man mich bald ersetzen?

Abschalten hilft und die Wohnung verlassen. Alles abgeschaltet lassen, die Fahrt mit der Tram, eine U-Bahnfahrt lang. Ins Theater gehen hilft. Dort sind Menschen wie ich, die als Kinder noch mit Stöckchen und Bauklötzen spielten. Das Haar silbergrau oder nicht mehr vorhanden. Immer sind ein paar darunter, die noch mitten im Spiel sind, mit lips and lashes und glattem, langem Haar, undercut, waves, die digital natives. Und alle zusammen ergeben wir ein Publikum, eine Menge von Augenpaaren, Ohrmuscheln, Sinneshärchen, die aufnehmen werden, was auf der Bühne gespielt wird. Hier filmt nicht mal einer mit. Uns verbindet ein Fokus eine Vorstellung lang. Im Licht der Bühne, das auf uns fällt, werden wir still und aufnahmefähig. Das ist Yoga fürs Gehirn, auch wenn schon bald das Geschehen, das aufgeführt wird, uns Furcht einflößt oder Mitleid abverlangt.

Was mich wachgerüttelt hat, an einem solchen Theaterabend, war ein Stück von Ayad Akhtar, sein Broadwayerfolg „Der Fall McNeal“. Es machte mir bewusst, dass ich, wie wir alle, auf einer Zeitschwelle stehe. Es zeigte mir die Zukunft und meine Ängste.

In dem Stück führt Akhtar uns vor, wie ein Literaturnobelpreisträger eine KI seinen letzten Roman schreiben lässt. Wir können zusehen, wie das geht, guckkastengroß ist sein Desktop projiziert. Wir lesen mit, welche Prompts der Schriftsteller eingibt, wie er sie korrigiert und weiter präzisiert. Er lässt die KI große Werke einscannen, die sie inspirieren sollen: King Lear, Madame Bovary, Ibsens Wildente… Auch seine eigenen Tagebücher soll sie verwerten. Und immer wieder gibt er vor: schreibe um in meinem Stil, im Stil von McNeal.

Dieser alte weiße Mann ist selten sympathisch, ein Frauenfeind und Rassist. Er hat sich für seine Bücher auch schon vorher an allen und allem bedient. Den Roman seiner toten Frau hat er etwas umgeschrieben und als eigenen herausgegeben. Er säuft sich zu Tode. Doch das ist nebensächlich. Mich schockierte der Vorgang, der zum Greifen nahe ist. Near future sozusagen. Eine KI schreibt einen Roman, und zwar einen ziemlich guten. Ich muss ihr nur genau sagen, wie sie das machen soll. Ich muss sie nur richtig füttern, mit dem Besten, was an Weltliteratur hervorgebracht wurde. Schon drei Romane gäbe es, die von KI geschrieben wurden, sogar Preise erhielten, und viele Kinderbücher seien mittlerweile KI-generiert, referierte die Dramaturgin in ihrem Vortrag, den sie zur Einführung hielt.

Mich hat das Stück an diesem Abend an eine Schwelle geschubst, die ich zu übertreten bisher nicht wagte, die ich als Autorin bewusst nicht übertrat, um mich vor dem Einfluss zu schützen, den KI auf mich und meine Arbeit haben könnte.

Viele spielen schon damit und freuen sich wie Kinder, die ohne Krabbeln laufen lernen. Sie schreiben Bachelorarbeiten, Bewerbungen, Liebesbriefe, Werbetexte mit Programmen wie ChatGPT, sie lassen sich mit Suno einen Song komponieren, mit Canva ein Bild nach Textvorgaben generieren. Es ist sicher berauschend, mit wenig Aufwand und Zeit endlich alles zu können.

Für mich und meinesgleichen ist das kein Spiel. Mich schauderte, während ich McNeal zusah, wie er sich selbst ersetzte. Die generative KI war mit wenigen Klicks kreativer als er. Sie trat zu ihm in Konkurrenz. Dass er am Ende sterben musste, war dann nur folgerichtig. 

Es ist mehr als eine Ahnung, ich nenne es Furcht: Der Einfallsreichtum der KI wäre größer als meiner. Wofür ich selbst Tage brauche, liefert sie sekundenschnell. Wären meine Ideen dann noch genau so viel wert? Würde ich mir noch vertrauen, meinem subjektiven Urteil, meiner Intuition, dem langen und oft zähen Entstehungsprozess? Würde ich noch spazieren gehen, wenn ich feststecken würde? Würde ich noch meditieren? Würde ich dann noch immer mit dem Notizbuch schlafen gehen, um selbst nachts noch einzusammeln, was mir vielleicht in den Sinn kommt? Würde ich weiter brüten, Tage und Wochen, entwerfen und verwerfen, dazwischen Leerlauf und Höhenflüge, mal Verzweifeln, mal Flow, um Geschichten in mir entstehen zu lassen, ihre besten Varianten aus mir selbst rauszuholen?

Ich fürchte um mein Selbstvertrauen. Mir fehlen manchmal die Worte, der KI aber nie. Sie bedient sich aus nie versiegenden Quellen, aus einem Content-Ozean. Sie könnte mich überfluten, und das ein für allemal.

Aber kann ich es mir leisten, sie zu ignorieren?

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