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Verkorkste im Glück

John Cleese hat einmal in seinem Buch FAMILIES AND HOW TO SURVIVE THEM geschrieben, dass unter allen Familien etwa ein Viertel glückliche zu finden seien, die Hälfte sei eher im Mittelfeld zu verorten, auf der Skala zwischen Glück und Desaster, und das übrige Viertel sei leider verkorkst. Die Herkunft sei wie ein Stempel oder ein Betriebssystem in unserem Gehirn, eine Art Stallgeruch, mit dem jeder Sprössling einer Familie früher oder später auf den Liebesmarkt geht. Die aus den glücklichen Familien finden blind zueinander, sie erkennen sich instinktiv, genauso wie sich die aus den Familien des Mittelfelds finden und auch jene, die aus verkorksten Familien stammen. Wir können Irrwege gehen, auf der Suche nach Vertrautem, oder weichen ihm aus, aber wenn wir es gefunden haben oder es uns, tritt auf der Stelle ein Geborgenheitsgefühl und Wohlbefinden ein. So bleiben alle unter sich. So wie es sich mit Geldbeträgen, mit Reichtum verhält, von dem gemeinhin gesagt wird: wo viel ist, kommt mehr dazu, so scheint es sich auch mit Familien zu verhalten. Das Glück vermehrt sich aus sich selbst, das Unglück ebenso, das Mittelfeld bleibt mittelprächtig.

Ich kann nicht mehr sagen, zu welcher Gruppe John Cleese sich damals zählte. Dreißig Jahre sind vergangen, seit ich sein Buch gelesen habe, das äußerst amüsant war. Eines jedoch erinnere ich: mir war bei der Lektüre auf Anhieb klar geworden, dass meine Familie zu den verkorksten gehörte. Daraus zog ich den Schluss, dass auch ich verkorkst war, woraus folgen musste, dass ich, wenn ich nicht aufpassen würde, auf einen verkorksten Typen abfahren würde. Würden wir Kinder kriegen, wären die wie wir verkorkst. So ginge das immer weiter, wir würden alle am Rädchen drehen. Ich hatte gar keine andere Wahl, als kläglich zu scheitern, und diese Wahl war durch meine Herkunft und nicht von mir getroffen worden. Ich fand das krass fatalistisch. Eine schwarze Komödie, die das Leben mir spielte.

Was mich damals bewog, meine Herkunft und Zukunft so pessimistisch zu sehen, erspare ich euch. Es tut nichts zur Sache. Das Jugendamt würde sagen: Das Mädchen hatte ein Päckchen zu tragen. Meine Jugend war kein Spaß, und als sie endlich vorbei war und ich frei entscheiden konnte, verließ ich meinen Herkunftsort, um neue Wege einzuschlagen. Ich brach das Arbeitsleben ab, um mich weiterzubilden und zu studieren. Mich faszinierte das Theater, ich las wie hypnotisiert dramatische Texte, den Kanon der deutschen Literatur, philosophische Werke. Ich begann selbst zu schreiben. Die verkorkste Familie, der ich entflohen war, aber blieb mein Fundament.

Nicht ganz dicht. Durchgeknallt. Verwirrt und verloren. Träumerin mit Größenwahn. Von Idealen getrieben und talentiert. Meiner selbst nie gewiss. Das alles war ich, wenn ich mich im Spiegel ansah, wenn ich mich ehrlich machte.

In meiner Studienzeit riet mir einmal eine Freundin, ich solle es doch so halten wie sie. Nimm dir einen mit Sockenschuss, sagte sie mit Augenzwinkern. Damit meinte sie einen, der so wenig wie wir den Normen entspräche. Es kam keiner in Frage, der werktags Anzug mit Krawatte und an den Wochenenden gebügelte Jeanshosen trug. Im Klartext hieß das: Weiche bloß jenen aus, die mit drei Bausparverträgen auf ein Eigenheim sparen, im Carport drei Autos, und die Frau dazu suchen, die ihnen Kinder gebiert und das Haus in Ordnung hält. So einer passte nicht zu mir, und auch nicht zu meiner Freundin. Sie wollte Künstlerin werden und ich Dichterin sein. Wir lebten beide auf einem fernen Planeten.

Mit dieser Selbsteinschätzung und Strategie steuerte ich zielgenau auf jenes Debakel zu, das John Cleese beschrieben hatte. Wenn zwei Verkorkste sich ineinander verlieben, ist der Liebesknall, der ihre Sinne berauscht, zu Beginn hochromantisch, doch das Ende ist absehbar, es ist vorgezeichnet. Sie lieben sich zwar, aber tun sich nicht gut. Ihre Liebe wird quälend, und erleichtert sind die, die sich rechtzeitig trennen, bevor ein Kind sie für immer miteinander verbindet.

Mehrmals durfte ich dieses Scheitern erleben. Fliegen, Abstürzen. Am Boden Kriechen, Aufrappeln. Wieder Fliegen, Abstürzen. Dann sagte mir ein Therapeut, ich solle lernen mich zu lieben. Und als ich einen kennenlernte, der offensichtlich anders tickte, dessen Socken nicht durchschossen, höchstens etwas löcherig waren, der kein bisschen verkorkst war, da sagte ich dem Therapeuten: Der ist zu gut für mich, der passt nicht zu mir. Ich glaub, ich lass das mal lieber. Und was entgegnete der Therapeut, tiefenentspannt, mit freundlichem Lächeln, den ich nach meinem Studium eine Zeit lang aufsuchte? Er sagte: Geben Sie sich doch erst mal Zeit.

Ich folgte seinem Rat, und es trat etwas ein, was ich zuvor für ausgeschlossen gehalten hatte. Ich konnte das Muster der Verkorksten, die self fulfilling prophecys, hinter mir lassen. Vielleicht hatte sich das Verkorkste, die ich mit mir herumtrug, im Laufe meines Lebens in einen leichten Knacks verwandelt, wie sie im Mittelfeld zu finden sind, in das John Cleese die meisten Familien einsortiert hatte. Es begann etwas Neues, was sich wie langes Kuren anfühlt.

Ich nenne ihn Bär, diesen großen sanften Mann, den ich mit Ende dreißig für zu gut für mich hielt. Und ich nenne sie Raupe, unser wundervolles Mädchen, das ich nicht geboren habe und das trotzdem bei uns lebt, das zweifellos zu uns gehört, das uns zu Eltern gemacht hat und wir bedingungslos lieben. Wir sind eine Familie, was ein Glück für uns ist. Unerwartet für mich.

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