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Und abends Junikäfer

Ich werd dich vermissen. Du meine Liebe. Du Fleißige, du.

Das bekomme ich zu hören, das sagt sie, Mamusch. Es ist Sonnenwendzeit, die Zeit des Siebenschläfers.

Ihr Wissen und die Fakten, was sie früher gemacht, was sie eben noch gemacht hat, die Tabletten am Morgen, wovon ich ihr berichtet habe, wieviel Geld auf ihrem Konto…  – immer mehr verflüchtigt sich. Umso mehr scheint meine Mutter inzwischen zu fühlen und für das, was sie fühlt, endlich Worte zu finden.

Es ist so gut bei ihr zu sein.

Ach, wär des scheen, wenn du immer do wärsch.

Man möcht halt im Alter nid immer bei Fremden sein.

Mamusch genießt sie und ich auch, die gemeinsamen Tage. Sie sind für uns beide wie die ganz große Ernte, üppige Ernte und so leicht eingebracht. Sommeranfang, blauer Himmel, Sonnenschein. Von morgens bis abends.

Wir sitzen oft auf dem Balkon, seltener auf ihrem Platz, im Garten vor dem Schuppen, im Halbschatten des verbliebenen Haselnussstrauchs, der Meraner Kastanie. Aber auch, aber auch. Ich bestehe darauf. Ihr Fernsehsessel ist defekt und auch der Flachbildschirm bleibt schwarz. Wundervoll stumm. Sie hat ihn fehlprogrammiert – zu meiner diebischen Freude. Nun habe ich eine Zuhörerin. Ich erzähle ihr viel von meinen Recherchen, lese ihr Finkbeiner-Texte aus dem Heimatbuch vor. Das Leben einer Bäuerin im neunzehnten Jahrhundert hätten wir nicht haben wollen. Ich schimpfe auf die Kirche, was Mamusch mir genehmigt. Sobald nötig helfe ich ihr beim T-Shirt-Anziehen, beim Hosen-Ausziehen. Abends wickle ich ihr eine Decke um Beine und Hüfte, weil sie auch sommers friert.

Ich halt dich jetzt fest und lass dich nicht mehr los.

Oft seh ich sie an einem Fenster. Sie steht am offenen Fenster und schaut hinaus, schaut raus auf die Straße, die Ellbogen aufgestützt auf dem Gesims. Sie schaut unbewegt auf das Haus gegenüber, wo vor kurzem Bekannte aus- und neue Mieter eingezogen sind. Sie schaut hinüber auf den noch verwilderten Garten oberhalb der Felssteinmauer, auf den Garten vom Boddehof, über den ich recherchiere. Sie blickt ausdauernd lange, erstaunlich dauerhaft hinauf zu den Ziegen, zu den drei vier weißen Ziegen, die sich am Steilhang, der Steineberg heißt, im Schatten eines Baumes versammelt haben. Ich seh Mamusch auf der Bank. Sie sitzt auf der Bank vor dem Haus und ist beschäftigt mit Schauen, sie schaut hin zur Straße, ob da jemand vorbeikommt, den sie vielleicht noch kennt. Jemand, der noch lebt wie sie. Ob die Leute sich zeigen, die dort oben im Haus neu eingezogen sind. Es seien zwei Männer, das ist doch interessant. Ob die Katze vorbeistreunt, ist auch ihre Hoffnung, die ausgesetzte schwarzweiße, der sie täglich Futter gibt. Ich sehe sie da sein, schweigsam, und schauen. Watching the wheels go round. Still und geduldig, irgendwie zurückgerückt, aus dem Leben genommen, aus dem Leben, dem bewegten, seit langem heraus. Eine kleine Person, nur noch 1,40. Ein Gesicht mit vielen Fältchen, ein geschrumpfter kleiner Körper, die Schultern gekrümmt. Alte Leute an Fenstern, alte Menschen auf Bänken, Alte, die nur noch schauen, in die Welt hinausschauen – es hat mich immer schon berührt. Jetzt ist es Mamusch.

Ich werde dich vermissen.

Liebes Mamutschchen.

Das hier ist unser Sommer. Ich will gar nicht weg.

Aber Raupe und Bär – sie brauchen mich doch.

Einmal lachen wir so, die kleine Mamusch und ich, bis uns die tiefsten Bauchmuskeln, die viel zu lange untätig waren, vom Lachen wehtun. Ich habe Mamusch, wie ich es sehr gerne mache, beim Ausziehen geholfen, sitze noch bei ihr am Bett. Sie liegt auf dem Rücken, bis zur Brust zugedeckt, die Arme auf der Decke, eine Hand ruht auf der andern. Brav sieht das aus. Niedlich, ordentlich. So, jetzt kannst du schlafen, sage ich zu meiner Mutter, die vor mir wie ein Kind liegt, und sie schaut mich an, sieht mich so an, wie sie es häufiger tut, offen und staunend, lang und intensiv und irgendwie so, dass ich nie genau weiß, ob sie mich eben gehört hat. Ob ich mich wiederholen soll. Dann sagt sie breit grinsend: Was soll ich auch sonst machen, außer schlafen?

Das ist der allerbeste Witz, der witzigste und treffendste Insider-Witz, den sie jemals über sich, über sich selbst hervorgebracht hat, mit dem sie die letzten Gewichte der schweren Winterzeit, die Traurigkeit der letzten Jahre mit einem einzigen Satz hinweggezaubert hat. Und dann noch ihr Grinsen aus ihren kleinen Kulleraugen. Wir prusten beide los. Wir lachen ausdauernd und ungehemmt laut. Mein Körper biegt sich vor Lachen, ungesteuert, wie von selbst bis hinunter zum Boden. Mamusch lacht ihr großes Hilde-Lachen, weit aufgerissener Mund, einmal die komplette Zahnreihe oben, bis an die Weisheitszähne. Ihr kommen Lachtränen. Sobald sich unsere Blicke berühren, wir japsen nach Luft, fangen wir von Neuem an.

Am liebschte würd ich dich feschthalte.

Es ist schön sie so zu sehen. Mamusch im Sommer ist nicht die Mamusch im Winter. Sie steigt wieder die Treppe, nur mit einmal Stehenbleiben. Sie begrüßt die Zimmerpflanzen und gibt ihnen Wasser. Sie streicht sich Butter aufs Brot und dreht sich die Spaghetti. Italienisch, mit einer Hand. Sie wünscht sich Eis vom Bauernhof und schleckt es genüsslich. Im Garten schaut sie mir zu, im Halbschatten sitzend, wie ich Wildwuchs ausreiße. Oft vergisst sie ihr Hörnle, ihre Stütze für den Nacken, verlangt gar nicht danach. Sie spaziert mit mir ins Dorf an ihrem Rollator, der ihr schnellere Schritte als die im Haus gewohnten abverlangt, weil die Straße vor dem Haus auf den ersten Metern etwas abschüssig ist. Der Rollator rollt vor ihr her, und sie geht etwas schlurfend und mit beiden Händen bremsend, für ihre Verhältnisse, fast schon hurtig hinterher. Und nur einmal bleibt sie stehen, dreht sich um und setzt sich auf den Spanngurt, setzt sich an den Straßenrand um ein wenig auszuruhen.

Unser Sommer hat begonnen.

Die Stareneltern in Mamuschs Holunderbusch fliegen durch das Loch im Kasten ein und aus, ein und aus, die Jungen schauen und rufen nach Futter und strecken ihre Hälse heraus. Heu liegt in der Luft. Die Kirchturmuhr schlägt zu jeder vollen Stunde, hell bimmelt das Glöckchen morgens um sechs. Die Junikäfer schwirren uns in den Abendstunden brummend und taumelnd um Köpfe und Füße. Die Gräser und das Korn wachsen und wachsen, und die Kronen der Bäume bauschen sich im Wind auf. Der Fernseher bleibt aus, und der Wahnsinn in der Welt, der kann uns gestohlen bleiben.

Ich werd dich vermissen. Du meine Liebe.

Ach, Mamusch, antworte ich. Wie gerne nähm ich dich mit, mit zu uns nach Berlin. Aber das geht nicht. Geht leider nicht mehr.

Ein Schweigen, zwei Seufzer.

Ich komm aber bald wieder.

Ach wirklich? Wann kommst du?

Na bald schon, so wie immer. Wir kommen zu dir in den Ferien.

Ich werde sie daran erinnern, wenn wir telefonieren.

Vielleicht wird es nochmal Sommer, wie eine Fortsetzung sein.

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