Die Sehkraft lässt nach. Seit ich mit Anfang fünfzig meine Lesebrille mit einer Gleitsichtbrille eintauschen musste, hat eine Mystifizierung meiner Umwelt eingesetzt. Menschen tauchen urplötzlich auf, vor mir, neben mir, wie aus dem Nichts. Ein Poller auf dem Bürgersteig, die Stange eines Verkehrsschilds, eine Säule, ein Papierkorb. Ich sehe sie nicht, sie nähern sich nicht, die Wahrnehmung aus dem Augenwinkel ist mit Gleitsicht nicht möglich. Wie in einem Fantasyfilm sind sie diese Menschen und Dinge urplötzlich da, stellen sich vor mich wie ein Hindernis auf, und ich remple sie an, ich stoße mir den Kopf an oder weiche ihnen aus, im letzten Moment.
Auch sehe ich Dinge, die andere nicht sehen können. Da ist eine Katze auf dem Weg, und dann plötzlich, wenn ich ihr entgegengehe, verwandelt sie sich in eine braune Papiertüte, die jemand weggeworfen hat. Eine Kreuzotter im Wasser ist, nachdem mein Aufschrei verklungen ist, nichts weiter als ein Stock. Ich wundere mich über eine neue Art von Wäschespinne auf einem Nachbarbalkon. Oder soll es vielleicht ein spinnenfüßiges Blumengestell sein, was ich dort sehe, dieses weiße Objekt hinter dem Glasgeländer? Dann verwandelt es sich in zwei Stühle und einen Tisch, wahrscheinlich von Ikea. Meine Sehkraft lässt nach, nun stoße ich vor in die Welt der Magie. Ich sehe Phänomene, die für andere, die gestochen scharf sehen, unsichtbar bleiben. Ich sehe mehr. Unsere Welt ist bewohnt von so Leuten wie Snape aus der Harry Potter Welt. Gestaltwandler, Formwandler sind überall. Endlich verstehe ich Teiresias, den Blinden, der mehr als alle andren sah.
In meinem sechzigsten Jahr gehe ich nicht mehr durch die Welt, um gesehen zu werden. Ich ziehe kein Begehren, keine Blicke auf mich, fange keine mehr ein. Die Verfolgung hat ein Ende, die Belästigung auch. Ich gehe hinaus, um mich selbst umzuschauen und um zu staunen. Ich bin raus aus vielen Spielen. Unsichtbar und ungestört schaue ich den anderen zu, denen mit den scharfen Augen, die noch drin sind im Rennen, die die Bälle noch erwischen, die noch Tore schießen wollen, für die ein Sieg oder ein Blickfang noch im höchsten Maße zählt.
My younger years were wasted on my youth.
