Peter ist zu nett, beklagte sich meine Freundin Lisa bei mir.
Ich kannte ihren Mann und wunderte mich. Für mich war er vor allem eines: Sehr angenehm. Er ist ein kluger und ruhiger Mensch, der seine Klugheit im Laden hat und nicht ins Schaufenster stellt.
Was meinst du mit zu nett, fragte ich sie.
Zu nett, sagte sie, meint übertrieben freundlich. Das geht dann in Richtung nicht durchsetzungsstark. Mein Mann ist manchmal so höflich wie in den Sketchen von Monty Python. Er nießt und entschuldigt sich. Einer rempelt ihn an, rüpelhaft im Vorbeigehen, und er sagt „Bitte sehr“. Fährt ne volle S-Bahn ein, lässt er erst mal alle vor, die einsteigen wollen, und passt er nicht mehr hinein, macht er einen Schritt zurück. Wartet stoisch auf die nächste.
Klingt entspannt, sagte ich.
Bei gutem Takt kein Problem, aber wenn wir’s eilig haben, erwiderte Lisa, sag ich häufig, los jetzt, Peter, wir müssen da rein. Ich mache den Anfang, steige rückwärts in den Wagen und ziehe ihn hinterher. Dann wird endlich Platz gemacht.
Ich stellte mir das bildlich vor, wie Lisa Peter zu sich heranzieht, in die brechend volle S-Bahn, in den dichten Menschenpulk. Ihr Mann ist ein Schrank, ein Kopf größer als sie. Mich amüsierte diese Szene.
So ergänzt ihr euch doch bestens, sagte ich lachend.
Haha, machte Lisa, der das Thema ernster war, als ich anfangs ahnen konnte. Je höflicher er ist, führte sie weiter aus, umso mehr wird er missachtet. Neulich auf dem Wochenmarkt haben wir uns aufgeteilt. Ich ging zum Stand mit dem Gemüse, er rüber zum Fischstand. Ich stellte mich in eine Schlange, drei vier Leute vor mir, kaufte mein Zeug, und wie ich zum Fischstand komme, steht mein Mann noch davor, etwas seitlich daneben. Er sieht aus wie abgedrängt. Vor ihm oder neben ihm wartet gutbetuchte Kundschaft, die bedient werden will. In einer Traube, also etwas ungeordnet, aus der jene an die Reihe kommen, die die Blicke der Fischverkäufer auf sich lenken können. Mein Mann will auch bedient werden, das ist offensichtlich. Seine Aufmerksamkeit ist auf die Theke geheftet, aber so wie es aussieht, ist er so nicht erfolgreich. Er kommt nicht voran. Er wartet im Abseits.
Ich sagte: Er ist groß, er dachte wahrscheinlich, die werden ihn sehen.
Er ist groß und unsichtbar, im Gegensatz zu den anderen, die sich an ihm vorbei, vornehm tuend, gierig schauend, nach vorne gedrängelt haben.
Die Ungeduld hat sie größer gemacht, mutmaßte ich.
Und mich machte das wütend, erwiderte Lisa. Mein Mann wird ständig übersehen, ausgenutzt, schlecht behandelt. Das ging ihm schon so, als er noch ein Junge war. Da gab es diesen Cousin, mit dem er häufig gespielt hat. Der wohnte in der Nachbarschaft, ein dicker Junge, zwei Jahre älter als er, und als der ein ferngesteuertes Flugzeug zum Geburtstag bekommen hat, nahm er Peter oft mit auf die Wiesen hinaus, wo er es fliegen ließ. Wenn das Flugzeug abstürzte, musste Peter es suchen. Mein Mann war das Hündchen für seinen Cousin. Er sollte apportieren. Und das Verrückte daran, er hat es sogar gern gemacht. Es machte ihm nicht mal was aus. So erzählt er das heute. Den Cousin fand er cool. Der traute sich vieles zu, war ständig draußen, hatte Kumpels, ein Mofa und all so was. Peter schätzte sich glücklich, wenn der bei ihm vorbeikam und ihn mitnahm in die Wiesen. Zum Flugzeug apportieren. Aber ehrlich, sein Cousin nimmt ihn heute noch nicht ernst. „Na Kleiner, wie steht’s“, sagt der zu Peter, wenn sie sich sehen.
Du meinst, dass er für den Cousin durch die Wiesen gerannt ist, um das Flugzeug zu finden, das war Unterwerfung? Da legte sich spielend die Rangordnung fest? Ich Alpha, du Weichei?
Lisa zuckte die Schultern. Peter sagte mal dazu, er hatte damals schon keine Lust, das Rattenrennen mitzumachen.
Das ist doch sehr stark und selbstbewusst!
Ja, schon, sagte Lisa und holte tief Luft. ABER! Einen höflichen Menschen halten viele für dumm oder zu weich. Und weich sein bedeutet Schwäche. Vielleicht passiert das unbewusst, unabsichtlich. Wer für weich gehalten wird, dem gegenüber zeigt man wenig Respekt. Den behandeln dann viele, die nicht feiner gestrickt sind, mit Ignoranz, überheblich. Wenn es schlecht läuft, mit Häme.
Du hast Recht, sagte ich. Wir hatten beide Kim de l’Horizons „Blutbuch“ gelesen, Camille Laurens „Es ist ein Mädchen“, gerade las ich Riccardo und Anna Simonettis „Mama, ich bin schwul“. Meine Sympathie galt den Belangen der LGBTQIA-Bewegung, auch wenn ich längst nicht alles verstand und mir manches fremd blieb. Ich mochte queere Menschen und ihren Mut zum Anderssein, ihre Abkehr von den starren Rollenbildern, die Frauen und Männern zugeteilt worden waren. Fluidere Geschlechter empfand ich als befreiend.
Wir begannen über schwule Männer zu sprechen, deren gute Manieren und Empfindsamkeit uns beiden gefielen. Lisas Exfreund hatte sich vor vielen Jahren als schwul geoutet, nachdem ihre Beziehung mit ihm zu Ende gegangen war, – sie sind noch immer befreundet. Wir hatten beide den gleichen Frisör, dessen Homosexualität überhaupt kein Thema war, dessen wohltuendes Wesen und fröhliches Lachen ich seit über dreißig Jahren genieße. Die nettesten Nachbarn, die ich jemals in einem Berliner Mietshaus kennengelernt hatte: ein schwules Männerpaar. Wenn ich ihre Pflanzen goss, – auf ihrem kleinen Balkon hatten sie einen botanischen Dschungel angebaut -, blieb ich immer etwas länger, auch in ihrer Wohnung, und schaute mich um. Das Mobiliar, die Gardinen, das Geschirr, die Sofakissen, die Tapeten und Wandfarben, alles war fein aufeinander abgestimmt, stilsicher, harmonisch. Es waren sanfte Männer. Es sind sanfte Männer, die klug und sensibel, zurückhaltend manchmal, zuvorkommend sind.
Zu nett kann niemand sein, sagte ich. Peter ist nicht zu nett, nur weil es andere gibt, die ihn nicht beachtet oder sich über ihn hinweggesetzt haben und die sich weiterhin über ihn hinwegsetzen werden.
Lisa stimmte mir zu. Sie wirkte erleichtert.
Aber ist es nicht peinlich oder blöd, von mir übergriffig, wenn ich meine, ihn unterstützen zu müssen, fragte sie nach einer Weile.
Nein, sagte ich. Wir sollten sie unterstützen, uns an ihre Seite stellen. Diese freundlichen Männer haben uns erst ermöglicht, unsere Stimmen zu trainieren. Dein Peter hat dir Raum gegeben, du bist mit ihm aufgeblüht. Er schätzt deine Stärken. Deine Stärken sind nicht peinlich, genauso wenig wie queer sein oder leise und sanft oder höflich sein peinlich ist. Nur weil Peter kein Rambo ist, heißt das doch nicht, dass du dich verstecken musst.
Das habe ich auch nicht, lachte meine Freundin, neulich am Fischstand. Ich habe mich stoisch lächelnd zu Peter durchgezwängt und dann, für alle vernehmbar, gesagt: „Na, jetzt hast du hier aber lange auf mich warten müssen. Und bist noch nicht drangekommen?!“ Ein Verkäufer schaute hoch, und ich winkte ihm zu. Dann ging es ganz schnell.
Ich war nicht erstaunt, wo unser Gespräch uns hingeführt hatte. Egal, womit wir anfingen, Lisa und ich, früher oder später entstand in mir ein größeres Bild. Darauf waren heute wir Frauen zu sehen, frei und selbstbestimmt, in Gemeinschaft mit queeren Menschen und sanfter gewordenen Heteromännern. Es war ein leuchtendes, buntes Bild, und mein Wunsch für die Zukunft.
