Es war schon die Nummer am ICE, die 371. Es war der Ortsname Basel, das Ziel des ICE. Auch mein großer roter Koffer und die blaue Reisetasche, dazu mein kleiner Lederrucksack. Die beiden Käsebrote, eine Flasche Apfelschorle. Jedes Mal Erleichterung, wenn die mittlere Ebene der Gepäckablage frei war, damit ich meinen Koffer nicht noch höher hieven musste. Der taubenblaue Sitzplatz, meist zuerst das Rückwärtsfahren, dann vorwärts ab Frankfurt. Sechs Stunden Fahrt von Nordost nach Südwest. Wenn es gut lief, ein Espresso im Bordrestaurant. Lesen, Schreiben und Schlummern in der gelassenen Gewissheit der Annäherung. Ignoranz auf der Strecke bezüglich der Landschaft. Erst ab Frankfurt die Vermehrung meiner Blicke durchs Fenster, meine Freude am Höhenzug, der zur Linken sichtbar wurde, wo der Schwarzwald beginnt. Ich war den Schwarzwaldhöhenweg früher einmal gewandert, ab Pforzheim bis Basel. Stundenlang gehst du allein, durchstreifst das Waldgebiet, sammelst Aussichten ein, ohne jemand zu treffen. Daran dachte ich oft.
Ab Frankfurt war Süden. Vorher konnte noch Schnee liegen, danach war es grün, der Frühling weiter fortgeschritten. Die Früchte reiften Wochen früher. Das Grün war grüner als sonst wo, satter Stängel und Stiel, von Regen und Sonne und tiefdunkler Erde verwöhnend genährt. Ein fruchtbares Land, die breite Ebene entlang des Rheins. Dann der Umstieg in Offenburg. Im Regionalzug der Zungenschlag, vermehrtes Gezischel und badischer Singsang, in das ich einstimmen würde, das ich nie verlernte. Es sagte mir jedes Mal: das hier ist Herkunft.
Ich freute mich auf die Wiesen und ihren Geruch. Ich freute mich auf das Blau und Hellgrau der bewaldeten Hügel, die ich bald, möglichst noch am Ankunftstag, vom nächsten Aussichtspunkt sähe, von oben und von weitem. Sie schmiegten sich aneinander, bildeten zwei Gebirgsrücken aus, zerklüftet durch die Seitentäler. Vorfreude auch auf das Dorf, das noch nie das schönste war, aber mir so vertraut. Ging ich durch seinen Ortskern, nahm das Kind mich an die Hand, das hier aufwachsen durfte. Ich begleitete es am Morgen zur Schule, vorher rasch noch zum Bäcker, wo es einen Doppelwecken mit Eszett-Schnitten kaufte. Es kannte die tiefste und flachste Stelle im Bach, das kalte Wasser bis an die Waden war sein Freibad im Sommer. Das Kind spielte mit Insekten. Es kniete sich auch in die Mulden in dem seltsamen Sandstein, oben vor der Waldkapelle, von dem die Leute erzählten, durch tägliches Gebet eines frommen Einsiedlers wären die knietiefen Löcher entstanden. Das Kind und ich glaubten das nicht. Stattdessen wussten wir sehr wohl, wo der Mond aufsteigen würde, im Winter und Sommer, über welchem Höhenzug, wo er auftauchen würde und wo er niedersank.
Ich trug die Geschichten der Menschen in mir, die in dem Dorf gelebt hatten, als ich dort aufgewachsen war, und die mich auch noch später, als ich ausgezogen war und wieder zurückkam, nur zu Besuch, stets freundlich begrüßten. Die mich immer fragten, du wohnsch noch in Berlin? Isch es denn schön dort? Wann kommsch du wieda heim? Sie lagen drüben auf dem Friedhof, die Nachbarn und der Bäcker, der Schneider, der Schmied, die Bauersleut der großen Höfe, die Erwachsenen meiner Kindheit. Sie lagen um meinen Vater versammelt, und in ihre Häuser zogen andere ein. Die Welt, die wir geteilt hatten, war trotzdem in mir geblieben. Ich brachte sie mit, jedes Mal, wenn ich kam, und ich bringe sie mit, so lange ich kommen werde. Ich lege sie vor mir aus und betrete sie mit dem Kind, das neben mir hergeht.
Sobald ich im ICE 371 Frankfurt und den Osten hinter mir ließ, wuchs in all den letzten Jahren meine Vorfreude an. Natürlich freute ich mich ganz besonders auf Mamusch, auf mein altes Mütterchen, auf den Garten und das Zuhause, was wir beide gestaltet, nach zerrütteten Jahren heilend aus uns hervorgebracht hatten. Der Fluch, der auf dem Haus gelegen hatte, verlor seine Macht, die bösen Geister waren weg, endgültig ausgezogen. Wir hatten sie mit unserem Getrampel, Geplapper und Gelächter ausgetrieben. Das Haus von Mamusch wurde mehrmals im Jahr unser Anlegehafen, für meine kleine Familie und mich.
Doch heute fahre ich hin, um ihn wieder abzubauen, Stück für Stück aufzugeben. Wir räumen das Haus, und ich fühle nichts mehr. Keine Vorfreude, nichts. Auf der langen Fahrt im ICE 371 bin ich wie ausgeschaltet. Ich atme, ich lebe, auf Nüchternheit eingestellt, auf Autopilot.
Das Haus der Eltern auszuräumen, wenn sie nicht mehr darin leben, wenn sie auf ihrer letzten Station, in einem Pflegeheim, wohnen oder schon gestorben sind, ist ein kalter Übergriff. Was sie sich angeschafft haben, worin sie gesessen und geschlafen haben, womit sie beschenkt worden waren, womit sie sich selbst Freude machten, was sie täglich benutzt und abgenutzt haben, was die Spuren ihres Lebens trägt, was von den Jahren erzählt, die sie hinter sich brachten, von den Moden erzählt, die sie mitgemacht haben, von ihrem Glauben und ihren Träumen erzählt, ihrem Wandel und ihrem Stillstand, all das wird zu Gerümpel, wenn du anfängst zu räumen. Vielleicht es noch verwertbar, oder gar nichts mehr wert, in Zahlen gesprochen. Es ist dir eine Last, die du loswerden willst.
Du legst dein Herz ins Eisfach, stellst deine Glieder auf Automatik und deine Augen auf achtloses, unscharfes Sehen.
Seit Mamusch nicht mehr im Haus wohnt, das Haus mich leer und ausgekühlt empfängt, streife ich wie ein Windzug durchs Treppenhaus, durch die Gänge und Räume. Mein Blick hält nicht mehr inne, ich laufe, ich eile. Ich treibe mich vorwärts, denn bliebe ich stehen, holte mich meine Traurigkeit ein.
***
Diesmal ergab es sich instinktiv: Ich ging in den Keller, zu den schwarzen Spinnweben, zum Holzstaub, in die feuchte Dunkelheit. Meine Schwester räumte oben im zweiten Stock in Mamuschs Wohnung, im Erdgeschoss und Dachgeschoss. Für mich war der Keller gut, der Arbeitsort unseres Vaters, der schon lange verlassen, die letzten Jahre für uns bedeutungslos war. Dreck störte mich nicht, hat mich noch nie gestört. Aus den Schränken von Mamusch ihr Geschirr herauszuholen, ihre Sammlung bunter Gürtel, die vertrockneten Lippenstifte, die vergessenen Bastelsets, Vaters alte Krawatten… das schien gut für meine Schwester. Obwohl. Sie war wie ein Pfeil. Sie flitzte durch die Zimmer, noch gehetzter als ich. Es war kaum möglich mit ihr zu reden. Sie konnte nicht innehalten. Sie eilte im Laufschritt mit ihrem Räumgut, sprang in den Container und schlug mit der Axt zu, wenn Verdichtung nötig war. Manchmal schoss sie durch den Keller, fasste dort auch mit an, war dann wieder im ersten Stock, verschwand ein Stockwerk darüber, dann in der Garage, häufig im Selbstgespräch. Ha nei! Jesses Maria! Oh je, des gibt’s do nit, hörten wir sie ausrufen. Wir anderen im Keller räumten Unmengen Holz aus, warfen Holz in Weidenkörbe, wir trugen kleingesägtes Holz zum alten Vogtshof hinüber. Ein großer Stoß Brennholz wurde emsig abgetragen, auch Latten und Bretter, Kantholz und runde Balken wurde über die Straße zum Nachbarn geschleppt, der seit letztem Sommer der neue Hofbesitzer war. Wir trugen mehrere Tage außer allerhand Sperrmüll vor allem Holz aus dem Haus, dem Nachbarn zur Freude. Ihr bringt mir Wärme, sagte er, der wie selbstverständlich zur Holzbrigade gehörte. Für seine drei Öfen braucht er acht Ster Holz jährlich. Der Holztransfer war mir Trost, mehrfacher Trost. Auch das Bauholz unseres Vaters konnte er gut gebrauchen. Vielleicht baue er was daraus, überlegte er laut. Dann machte es außer der Wärme im alten Gebälk sogar dauerhaft Sinn. Dann waren sein Einkauf und seine Hortung nicht völlig vergeblich und sinnlos gewesen.
Ich fand einen Spaltkeil, einen schweren Eisenkeil, dessen Holzkopf zerschlagen war. Ich fand ein Senkblei, Packen noch gut erhaltener Nägel, eine Art Flaschenzug. Im feuchten Keller standen massive Böcke aus Holz. All das bot ich dem Nachbarn an, und er nahm es entgegen. Er war dankbar und ich auch. Wieder war ich getröstet. Diese Dinge kehrten heim, sie stammten vom alten Vogtshof, so grob und einfach und nützlich wie sie waren. Sicher hatte mein Vater, als seine Eltern verstorben waren, sie zu sich in seinen Keller getragen. Jetzt bringen wir sie zurück, dorthin, wo sie wieder ihren Nutzen erfüllen. Das bringt Zukunft in die Geschichte, die bei uns, in Mamuschs Haus, ihrem Ende entgegengeht. Es ergänzt die Gedanken, die ich sonst in mir trage.
Wir trugen die Ideen und Träume aus dem Haus, die unser Vater einmal hatte. Seine Pläne, nicht ausgeführt. So viel Schrauben und Nägel, so viel Bauholz und Glas, dazu das Werkzeug und die Maschinen. Die nicht gebauten Zwischenwände, Fliesen, die nicht an die Wand geklebt wurden, Armaturen und Porzellan, das kein Badezimmer wurde, Glasscheiben, deren Umrahmung unser Vater zimmern wollte, dann jahrelang vor sich herschob, als wir, die Töchter, gegen seinen Willen, seinen Plänen zuwider, ohne Rückkehrabsichten ausgezogen waren. Wir trugen in diesen Tagen Vaters Enttäuschung und Sturheit hinaus, sein Nichtwahrhabenwollen. Wir trugen von unseren Eltern ihre planlosen Einkäufe, ihre Eichhörnchen-Vorratslager hinaus. Die Ordnung ihrer Dinge fiel im Laufe ihres Lebens einem Verräumen und Vergessen anheim. Von allem hatten sie zu viel, an viel zu vielen Plätzen zu viele Dinge gehortet, die ihnen sinnvoll erschienen, um sie ihnen zuzuteilen. Die Gartenwerkzeuge, Düngemittel, Geräte und Eimer fanden sich im Gartenschuppen, im Anbau vor dem Haus, im Lichtschacht dahinter und in der Garage, im Keller, aber auch in einem Zimmer im ersten Stock. Wir trugen Überfluss und Liebesersatz, Ziellosigkeit und Verwirrung aus dem Haus.
Wir verausgabten uns, doch wir wurden nicht müde. Vielleicht war das therapeutisch. Meine Schwermut verflog.
