Am Morgen liegt Neuschnee, der nach zwei Donnerschlägen in der Nacht alles bedeckt und eingehüllt hat, jeden Zweig an den Bäumen, die Wiesen und das Dorf. Der trübe Nebel darüber, der die Konturen weichzeichnet, auch die wenigen Farbflächen, die noch sichtbar sind. Alles ist wie verwischt. Ich werde mit Freude gefüllt, als ich aus dem Fenster in die gedämpfte Helligkeit schaue, unerwartet beschenkt. Christo hätte Schnee erfunden, wenn er das hätte können. Dieser Schnee ist jedem Kunstgriff haushoch überlegen, und von allen Wetterphänomenen, die unsere Erde fortlaufend gestalten, zerstören und nähren, ist mir Schneefall das liebste.
Meine gewohnte Begrüßungsrunde, die ich immer, wenn ich Mamutschka besuche, heute nach dem Frühstück mache, ist ein Gang durch ein Gemälde. Ich fotografiere in dem 3D-Gemälde herum, als sähe ich diese Landschaft, die vollkommen verschwunden und eingeschneit ist, so das allererste Mal. Dabei ist es meine Heimat, Höhenzüge und Täler, deren Wipfel und Gipfel, Maulwurfhügel und Gräben früher in jedem Winter unter einer dicken Schneeschicht verschwanden. Monatelang.
Ein herrenloser Hund strolcht ein Stück meines Weges den Wegrand entlang. Er steckt seine Schnauze schnuppernd in den Schnee, ein Vorderbein gibt dabei Pfötchen, dann geht er hinten in die Hocke und pinkelt. Er strolcht frohgemut weiter und lässt sich von mir überhaupt nicht irritieren, obwohl ich mehrmals pfeife. Eine selbstbestimmte, kleine Hündin, die ihre eigene Freude an diesem Schneetag genießt.
Ich lasse sie zurück, gehe vorwärts und schrittweise rückwärts, wegen der Aussicht, die je höher, je schöner wird, die Straße hinauf, durch Ackerland und Wiesen hoch Richtung Wald. In den Hundezwingern, hinter Bäumen versteckt, bellt zum Glück kein dort gefangener Schäferhund mehr. Sie schlugen immer an, wenn ich daran vorbeiging, wütend klang ihr Gebell. Auch die drei Pferde sind nicht zu sehen, die der Metzger aus dem Dorf mitsamt seinen Hunden hier oben gehalten hat, obwohl er gar nicht reiten konnte. Verwahrlost, verdreckt standen sie auf einem graslosen Paddock am Wiesenhang herum. Vielleicht hat er Wurst aus ihnen gemacht. Es ist nur ein Blitz von einem Gedanken, ein kurzer dunkler Stich. Die Pferde und Hunde, die Tierquälerei. Meine Beine retten mich, sie bewegen mich weiter. Ich liebe den Aufstieg und gehe zügig an den Verschlägen vorbei. Der Winterwald zieht mich an.
Schon bin ich auf dem Eckle, auf einem sanften Höhenzug, wo ein Bauernhof steht, der in ein anderes Tal schaut. Von hier aus geht es in alle Richtungen weiter, in ein anderes Dorf, auf die nächste Anhöhe, in ein Seitental hinunter oder wieder zurück.
Der Anstieg hat mich aufgewärmt. Ich ziehe meine Handschuhe aus, öffne etwas meinen Mantel und halte inne. Ich stehe an einem Waldrand. Etwas entfernt liegt der Hof, dessen beschneites Dach aus dem Weiß der Wiesenfläche herausragt, die dort schon etwas abfällt, in das andere Tal. Links und geradeaus ruhen ebenfalls Wiesen, auf denen sommers über kleine Kuhherden grasen, unter der weißen glatten Decke. Am Waldrand neigen sich vor mir die Äste der Tannen unter der frischen Schneelast, darunter das bereifte und fein bestäubte Unterholz.
Heute weht nicht einmal Wind, den es meistens hier oben hat. Es ist still um mich her, absolut still. So still muss es auch im Weltall draußen sein. Lautlosigkeit. Ein Nichts von Bewegung. Kein Ton, keine Stimme, kein Wort, kein Gesang. Selbst mein Atem ist so leise, dass ich ihn nicht wirklich höre. Oder ist da doch was? Ein Rauschen in den Ohren? Ist das mein Blut, das durch meine Adern fließt? Nein, ich höre nichts. Ich werde all dem gewahr und bin glücklich darüber. Wenn so der Tod ist, dann bin ich damit einverstanden. Ein schmerzloses kaltes geräuschloses Nichts. Darin wieder zu verschwinden, ein winziges Teil dieser Stille zu sein, darin aufzugehen, das ist wahrer Friede. Das kann ich alles gar nicht denken, ich fühle es aber. Für ein paar ruhige Atemzüge bin ich getröstet.
Meine Wanderschuhe knirschen und knacken auf den vereisten Schneespuren, die andere Wanderer und Autoreifen hinterließen. Mein Wintermantel raschelt, weil ich meine Arme ein wenig schlenkere beim Gehen. Ich komme mir wie ein Bulldozer vor, wie ein Riese im Zwergenland. Wie kann ein einzelner Mensch, der sich mit zwei Beinen vorwärtsbewegt, nur so unsäglich laut sein? Ich breche in die Stille ein wie der Donner letzte Nacht, der dem Schneefall vorausging.
