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ALLES GEREGELT

Es schneite. Es schneite seit Tagen fast ununterbrochen. Draußen führten Anton und mit ihm zwei der Nachbarn ihr Pferdegespann. Mit dampfenden Nüstern zogen die Pferde den gespreizten Keilpflug. Morgens und abends, morgens und abends schoben sie Neuschnee, drückten ihn an die Seiten, bis zur Dorfmitte runter, damit der Weg nicht verschwand. Auch vor der Haustür auf dem Vorplatz wurde mehrmals Schnee geschippt, zwischen aufgehäuften Schichten war ein Durchgang entstanden, die Schneewände zu beiden Seiten standen mannshoch. Weiß und fahl war der Himmel, aus dem der Schnee gewirbelt kam. Nur der frische braune Dung, den Wilhelm, der Knecht, morgens vor den Ställen auf den Misthaufen kippte, stieß ein paar Minuten lang seinen dunklen Atem aus. Dann war auch er weiß überzogen.

Manchmal stand Franz am Fenster in der gut beheizten Stube, wischte sich ein Guckloch frei und schaute mit trübem Augenlicht seinem Nachkommen zu. Er hörte, wie Anton den Pferden zusprach, wie er sie lobte. Er sah das Lachen seines Sohnes in dessen glühendem Gesicht, wenn der eine Schippe Schnee über seine Schultern warf, seine Kleidung weiß beschneit. Es machte Franz zufrieden, seinen Jüngsten so bei der Arbeit zu sehen, doch in Franz saß Verdruss. Er war müde geworden, zu alt um zu helfen. Er legte nur noch das Holz nach, das Anton gespalten hereinzubringen hatte, damit das Feuer nicht ausging. Auf der Bank vor dem Ofen hielt der Alte sich auf, auf dem Strohsack daneben durfte er schlafen, an dem Stubentisch beim Ofen durfte er essen, was ihm Magdalena brachte, oder was sie, die junge Hofbäuerin, für ihn, wenn er schlief, ins Ofenfach stellte. Dort stand auch sein Tee, den er tagsüber trank.

Sie hatten alles geregelt, so war es üblich. Er durfte in der Stube wohnen, rechterhand bei dem Ofen. Im Stall gehörten ihm zwei Schweine, vom ersten Wurf die zweite Wahl, ihm standen Milch und Eier zu, 15 Sester Hafer und 5 Sester Weizen, nur so als Beispiel, in einem eigenen Kasten gleich hinter der Küche. Auch bekam er alljährlich ausreichend frisches Stroh, ein Viertel vom Gemüsegarten, die linke Herdseite in der Küche, weiter 30 Sester Kartoffeln, den fünften Teil vom eigenen Branntwein und noch einiges mehr. Auch dass ihm Magdalena seine Wäsche mitwusch und dass Anton das Korn seines Vaters mitnahm zur Mühle und ihm als Mehl wiederbrachte, stand im Vertrag. Das war alles geschrieben. So gab’s weniger Streit unter ihrem großen Dach zwischen Franz und den Erben, die das Sagen nun hatten. So war’s größtenteils friedlich in diesem Winter in der warmen Bauernstube. In der Wiege, die für die meisten kleinen Würmchen ein Sterbebett war, lag das Kleinste seiner Enkel. Wilhelm, der Knecht, schaukelte es. Ein anderes Kleinkind hockte vor Franzens Füßen, brabbelnd, einjährig, es biss sich in sein Fäustchen. Zwei noch größere Kinder, die gleichwohl nicht sterben wollten, bauten sich mit Tannenzapfen, Rindenstücken und Stöckchen einen kleinen Bauernhof. Weil das Spinnrad leise schnurrte, auf Magdalenas Schoß der strenge Geruch von Schafswolle aufstieg und feiner Strohstaub vom Dielenboden, weil dort Anton aus langen Strohhalmen neue Garbenbänder flocht, konnte Franz selig schlafen. Er lag dünn wie eine Sichel auf der schmalen Ofenbank. Inzwischen war er fünfundsechzig, seine Kraft war verbraucht. Das Viertel Garten zu bestellen, würde er nicht mehr schaffen. Das Rheuma fraß seine Knochen, in seinen Augen lag Flehen. Franz war steinalt, und er wurde zur Last.

Magdalena seufzte viel. Doch auch wenn ihr Seufzen mit ihm zu tun hatte, auch wenn sie oft unterließ, ihn bei der ersten Begegnung am Morgen zu grüßen, auch wenn sie sich weigerte, ihm die Kräutersalbe auf seine Lenden aufzutragen und sie das Getreidekissen, wonach er verlangte, um es sich aufzulegen, viel zu lange nicht nähte, auch wenn die Bälger seine Socken stibitzten und im Hasenstall versteckten und ihm selten sein Nachttopf ausgeleert wurde, bis er ihn trotzig auf den Küchentisch stellte…, auch wenn all das Zeichen waren, dass er ihnen zur Last fiel, fühlte Franz sich versorgt, nicht gut, aber redlich. Er bekam sein Gnadenbrot. Und bald, dachte er, wäre sowieso Sense. Dann wären auch seine Nächsten erlöst.

*

Wenn Mamusch aus dem Fenster schaut, von ihrem Zimmer im Pflegeheim, tanzen äußerst selten weiße Flocken vorbei. Sie schaut hinaus in eine Stadt, hinein in den Nebel, in Regenfäden und Nieselgrau. Und sie kann es nicht sehen, wenn ich hinten im Tal, oben in ihrem Dorf, das höher liegt als die Stadt, mit der Schneeschippe menschbreite Spuren durch den Neuschnee vor ihrem Haus, vor ihrer früheren Küche, ihrem Küchenfenster schiebe. Sie kann da nicht mehr stehen und mir nicht zuschauen.

Sie ist steinzeitalt verglichen mit Franz, bald dreiundneunzig, und wir leben nicht mit ihr auf einem großen Bauernhof, wie es damals üblich war. Zwischen Mamusch und uns, ihren beiden Töchtern, gibt es keinen Vertrag, in dem geregelt worden wäre, wie wir ihr Hab und Gut aufteilen würden. Das Haus ist kein Hof, der uns alle ernährt. Das Haus war ein Unsinn. Meine Schwester und ich wuchsen darin nur heran in unseren letzten Jugendjahren, danach lebten unsere Eltern darin ohne uns weiter. Sie verteilten ihr Leben, eine Sammlung von Dingen, auf drei großen Etagen.

Ich schippe Schnee vor ihrem Haus, wenn ich angereist komme, um Mamusch zu besuchen, ich benutze darin zwei Zimmer und ein Bad für wenige Tage. Ob die Heizung funktioniert, frage ich mich noch im Zug. Dann drehe ich an den Reglern und freue mich, wenn es gluckert. Stelle ich mich vors Haus, sehe ich den Bauernhof auf der anderen Straßenseite, sehe ich das Sprossenfenster, wo der alte Franz stand, vor etwa zweihundert Jahren.

Auch Mamusch ist gut versorgt, seit sie in der Stadt im Pflegeheim wohnt. Sie servieren ihr das Essen samt Medikamenten, sie helfen ihr beim Duschen, beim Wechseln von Kleidung, sie sorgen für Unterhaltung, für die Pflege ihrer Füße, für die Impfung gegen Grippe, und für einen neuen Haarschnitt. Das Personal ist sehr freundlich, die Räume sind lichtdurchflutet und die Heizung spendet Wärme, so viel Mamusch braucht.

Warum denke ich trotzdem, Franz hatte es besser, und verkläre das Bild, – alter Mensch am Stubenofen -, das ich, mehrmals so gesehen, offenbar in mir trage?

Seit Mamusch in diesem Heim lebt, sind wir beide resigniert.

Ich steh das jetzt durch, gesteht sie mir am Telefon. Ich weiß nichts zu entgegnen. Hier ist also Endstation. Richtig, denke ich, doch was soll ich dazu sagen? Ich komm wohl nicht mehr raus. Hm, ja, murmele ich gelegentlich, dann wieder Verstummen. Bis zum bitteren Ende muss ich dann wohl hier bleiben, äußert sie mir gegenüber.Nicht mal klagend, ernüchtert. So ist es, sage ich.

Jeden zweiten Abend rufe ich Mamusch an. Dann steht sie auf von ihrem Sessel, geht hinüber zum Pflegebett, setzt sich auf die Bettkante und greift nach dem Hörer. Der ist mit einem Spiralkabel mit dem Tastentelefon verbunden. Sie muss auf der Bettkante beim Apparat sitzen bleiben und kann den Hörer nicht auf Lautsprecher stellen oder irgendwo ablegen. Deshalb schläft ihr nach etwa 15 Minuten die Hand ein. Doch was sind fünfzehn Minuten, wenn du dich einsam fühlst? Sie nimmt die Schlafhand in Kauf, bloß nicht auflegen jetzt. Sie will mit mir weiterreden.

Als sie noch zuhause lebte, konnte ich sie ab und an auf dem Smartphone ihrer Pflegekraft erreichen, wir konnten uns über Video sehen. Als sie noch zuhause lebte, konnte ich sie bekochen, konnte mit ihr an ihrem Küchentisch essen, wir lagen uns gegenüber auf ihrem Sofa, ihre Beine zwischen meinen, und ich konnte sie rütteln, bis ihr warm geworden war, ihr die krummen Zehen kneten, die sie mir entgegenstreckte, ihr am Bett ein Schlaflied singen, mit ihr den Mond über dem Höhenzug aufsteigen sehen, und sie morgens aufwecken. Ich habe vor ihrem Haus den Neuschnee weggeschippt und meine Tochter hat im Garten eine Schneefrau gebaut und mit Wasserfarben bemalt. Mamusch hat uns zugeschaut, von ihrem Balkon aus oder einem ihrer Fenster.

All das geht jetzt nicht mehr. Wenn ich das nächste Mal zu ihr fahre, werde ich wie schon zuvor Besucherin sein, ein Nachmittagsbesuch, der vielleicht Blumen bringt, einen zweiten Wintermantel, etwas Obst oder Plätzchen. Was ich noch tun kann für sie, ist sehr limitiert. Wir können nur noch sehr wenig miteinander erleben.

Es beruhigt mich, dass sie im Heim lebt, weil sie dort gut versorgt ist, trotzdem macht es mich traurig. Es fühlt sich ungenügend an, und ich weiß keinen Ausweg, wenn sie auf ihrer Bettkante sitzt und so ernüchtert über ihre letzte Gnadenfrist spricht.

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