Icon für Blog, Gestaltung © Maike Krause

Friede, Unschuld, Heiliger Geist

Jeden Morgen früh um vier steht Bob für sie auf, für seine Kleinen, wie er sie nennt. Er gießt Kaffee in die Thermoskanne, steckt sich Tabak und Papiere ein, und während er auf dem Klo sitzt, zupft er kleine graue Federn von seiner alten Hose und lässt sie zu Boden schweben. Solche Zeichen müssen sein, bevor die Wohnungstür ins Schloss fällt, hinter ihm zuknallt, unnötig laut.

Auf dem Weg zur Lagerhalle raucht Bob seine erste. Er verzeiht sich seine Schwäche, diese schlechte Gewohnheit, weil die ihn wahrscheinlich nicht umbringt. Eine andere Todesart ist ihm gewisser, mit der es schnell gehen wird.

Im grellen Neonlicht des Lagerraums, der gut gefüllt mit Säcken ist, schöpft er mit einem Blechnapf Maiskörner aus einem. Kleinere Säcke werden damit befüllt, auch mit Grit und von allem mit den weichen Sonnenblumenkernen, denn die sind das Beste. Bob ist nicht stark, über siebzig außerdem, und wie er die Säcke, insgesamt 50 Kilo, in den Kinderwagen hievt, in den ausrangierten Findling, freut er sich an seiner Arbeit, diesem letzten großen Sinn. Mit den Gießkannen am Lenker schiebt er die erste Fuhre hinaus auf den Hof. Er sieht aus wie ein Clochard, die Schuhe ausgetreten, die Kleidung zerschlissen und mit dem quietschenden Kinderwagen, zweckentfremdet, vollbeladen. Eine zweite Selbstgedrehte im Mund schlurft er die noch schlummernden Straßen entlang.

Heute wird er wie jeden Tag dreißig Kilometer über hartes Pflaster gehen. Er steuert vier Plätze an, geht noch dreimal zurück ins Lager, füllt den Wagen dreimal auf, und geht dreimal aufs Neue los. Für den letzten der Plätze fährt Bob ein Stück U-Bahn.

Er füttert seine Kleinen um 6 Uhr am Hermannplatz, um 10 Uhr am Kotti, um 14 Uhr steht er schon auf dem Winterfeldplatz, und um 16 Uhr triffst du ihn am Hausvogteiplatz. Die Kleinen flattern in großen Schwärmen herbei, pünktlich und so verlässlich wie er. Bob stellt Untersetzer auf, mit sauberem Wasser, große zum Baden, flache zum Trinken. Er streut das Futter für sie aus und beobachtet sie. Seine nachtdunklen Augen glänzen, während er sie betrachtet. Er prüft jede einzeln. Ist die und die gesund? Ist eine verletzt? Kommt die eine zum Futterplatz, die er Lucie getauft hat, die auf einem Fuß hüpft? Lebt Lucie heute noch? Kommt auch seine Prinzessin, weißes Köpfchen, weiße Flügel, die er unterstützen muss, weil sie beim Picken zu zögerlich ist, von den anderen abgedrängt wird. Für sie wirft er immer extra viele Sonnenblumenkerne.

Neunhundert Euro kostet das jeden Monat. Neunhundert Euro. Davon zahlt Bob dreihundert, von mickriger Rente. Den größeren Anteil übernimmt zum Glück Mathilde, die genauso vernarrt ist wie er in die gurrenden Vögel, auch Tierschützerin und Ende achtzig. Mathilde bezieht eine hohe Pension. Sie war Studienrätin, während Bob es nur bis zum DaF- und Vertretungslehrer brachte. Auch wenn ihm das an manchen Tagen einen kurzen Stich versetzt, wenn er mehr als ihm guttut, an Reichtum und Armut denkt und wie der zustande kommt, ist er Mathilde doch dankbar. Sie liebt die Tauben so wie er, und wenn sie noch könnte, nach ihrem Schlaganfall, würde sie, so wie früher, mit ihm füttern gehen.

Das Aufstehen und die Strecken, die viermal 50 Kilo durch die Straßen zu schieben, all das macht ihm nichts aus. Was ihm aber was ausmacht, sind die Menschen, gegen die er sich wehren muss, gegen die er seine Kleinen verteidigt. Es sind die, die ihm begegnen, Touristen, Stadtbewohner, größtenteils Männer, die er, während er füttert, zurechtweisen muss. Kinder machen nichts lieber, als die Tauben aufzuscheuchen. Passanten pöbeln ihn an, wollen seinen Ausweis sehen, halten ihn für einen Penner. Leute schimpfen mit ihm, weil er Drecksviecher füttert, wie sie seine Kleinen nennen. Tauben füttern sei verboten, kriegt er häufig zu hören. Dann klärt er die erstmal auf, dass Tierschutz ja sogar im Grundgesetz stehe. Tiere leiden zu lassen, sei demgemäß gesetzeswidrig. Und ohne ihn leiden sie. Ohne sein Futter, das er ihnen täglich bringt.

Wer ihm länger zuhört, dem erzählt er gern mehr. Dass die Tauben in der Stadt früher Haustiere, gezüchtete Tauben des Kurfürsten, dass sie Hochzeitstauben oder Brieftauben waren. Dass er von denen die Nachkommen füttert, die noch immer viermal und mehr pro Jahr brüten müssen, die überzüchteten armen Kleinen. Dass er sie gesund hält, und dass er und Mathilde und noch ein paar andere vom Taubenverein schon seit Jahren darum kämpfen, dass die Stadt Taubenhäuser zum Brüten aufstellt. Man könnte ihre Eier mit Holzeiern tauschen. Dann bräuchte es nicht mehr Dornenstreifen auf den Dächern und Gesimsen, womit die Tauben grausam aufgespießt würden.

Manchmal schreibt er die Pfarrer an, die Kirchengemeinden, und bittet um Spenden. Die Kirchen seien doch voll mit Bildern von Tauben. Eine Taube bedeutet Friede, die Taube ist die Unschuld und der Heilige Geist, sie steht für alles Gute. Trotzdem haben die nichts, keinen Euro für sie übrig. Einmal hat sich ein Pfarrer bei ihm beschwert, weil er die heiligen Vögel auf dem Platz vor dessen Kirche mit Nahrung versorgt hat. Da hat Bob zu dem gesagt: Werfen Sie erst mal die Gemälde aus ihrer Kirche, auf denen Tauben drauf sind! Dann zieh ich hier auch mit meinen ab.

Wir haben Bob zugehört, Raupe und ich. Raupe hat ihm sogar ein wenig geholfen, Maiskörner ausgestreut vor die flatternde Schar. Wir haben Kaffee mit ihm getrunken und über ihn gestaunt, über seine große Liebe, die er diesen Tauben schenkt und die seinen wachen Augen einen Onyx-Glanz verlieh, diesen nachtschwarzen Augen, die er in den Dienst der Seelen stellt, die, wie er sagt, in den Tauben zuhause sind. Ihm zu widersprechen, war für uns unmöglich.

Dass ich ihr Gurren nicht mag, wagte ich nicht zu sagen. Dass ich Tauben nicht dulde auf unserem Balkon, weil sie mir meine Veilchen, den Lavendel zerrupfen, weil sie dort nisten wollen, die Brüstung vollkacken. Ich sagte auch nicht, dass ich Sperber schön finde, als Bob auf sie zu sprechen kam. Sie schlitzen, erzählte er, mit ihrem messerscharfen Schnabel seine armen Täubchen am Bauch auf, um sie dann auszuweiden. Wir verschwiegen die Krähe, die Raupe gezähmt hat und die sie viel lieber füttert als einen großen Taubenschwarm. Es tat nichts zur Sache. Wir genossen Bobs Freude an seiner letzten Mission.

Der wird er sich widmen, gegen alle Widerstände, und wenn er dabei noch den letzten verliert, der davor mal sein Freund war. Seit Bob die Tauben füttert, hassen ihn die Mitbewohner, besagter Freund und dessen Frau. Kommt Bob aus dem Bad, besprühen sie die Armaturen, das Klo und das Becken mit Sakrotan. Ihm ist das inzwischen ziemlich egal. Er versteckt auch tote Tauben, legt sie in der großen Truhe einfach unter das Gefriergut, wenn die Erde auf dem Friedhof im Winter hartgefroren ist, und ihr Begraben nicht möglich. Und über den Winter gibt es viele tote Tauben.

Drei Herzinfarkte hat Bob schon überlebt, und kündigt sich der vierte an, Schmerzen im Arm, Schmerzen in der Brust, wird er damit nicht anders verfahren als mit den ersten drei. Er wird sich wie immer ins Lager begeben, wird dies dreimal wiederholen, bis die Kleinen alle satt sind. Er fährt den Wagen zurück und verschließt den Lagerraum. Dann erst, wenn das alles erledigt ist, wird er sich eine drehen, anzünden, rauchen, sich vorne am Hofeingang an die Hausecke lehnen und den Notarzt anrufen. So erfüllt und erschöpft würde er gerne sterben. Denn nach dem Tod fliegt er selbst mit den Kleinen herum.

error: Content is protected !!