Ende September wurde ein alter kleiner Baum aus der Erde gerissen, aus der ihn seine Wurzeln sechzig Jahre ernährten. Wir haben ihn umgepflanzt, und wo er jetzt steht, ist für ihn gut gesorgt. Es wird sehr darauf geachtet, dass er nicht umfällt, und wir wünschen uns alle, dass er neue Wurzeln schlägt. Seit Ende September lebt unsere Mamusch im Pflegeheim. Es ist das beste in der Umgebung, das Beste für sie.
Das Gebäude ist modern, die Fassade bauhausrot und weiß angestrichen. Es liegt in einem Wohnbezirk unterhalb eines Weinbergs am Nordhang einer Stadt, in der sie einmal gewohnt und in der sie zwei Töchter zur Welt gebracht hat. Verkehrsarm und friedlich ist es hier oben, jedes Haus hat einen Garten. Umgeben von Grün – Rasenflächen, ein Teich – ist auch das Heim.
Wenn du dich der Pforte näherst, öffnen sich vor dir die Glasschiebetüren. Ein verglastes Treppenhaus und zwei geräumige Fahrstühle führen zu den Etagen. Die breiten Flure sind hell, und die Wohngruppen nach der Stadt und den Dörfern im Umland benannt. Die Filmstars aus der Nachkriegszeit und den Wirtschaftswunderjahren schauen dir von den Wänden großformatig entgegen. Unverändert jung geblieben: Heinz Rühmann und Audrey Hepburn, Sophia Loren und Jean-Paul Belmondo. Auch die komischen Verlierer grinsen dich an: Dick und Doof und Charly Chaplin. Der Handlauf jedoch, der die Flure entlangführt, hält dir plastisch vor Augen, was alt sein bedeutet. Wankender Gang, schlurfende Schritte, Schwindel womöglich. Hier gehen Menschen entlang, die sich festhalten müssen. Zentral und gut erreichbar befindet sich der Gemeinschaftsbereich, mit offener Küche und dem Büro der Pflegepersonals, bei dem die Tür stets offensteht. Vier Mahlzeiten täglich nehmen die Bewohnerinnen, (Männer sind selten), an den großen Tischen ein. Auch kommen sie bequem mit ihren Rollatoren oder dem Rollstuhl auf eine Terrasse, in den kleinen Fernsehraum oder in die Sofaecke.
Ist doch gut hier, dachte ich, gehobener Standard, als meine Nichte und ich herumgeführt wurden, ein paar Wochen zuvor. Es hätte schlimmer kommen können.
Das Pflegeheim will wohnlich sein, behaglichen Optimismus verströmen. Es will ein Zuhause sein, kein Abschiebegleis, keine letzte Station. Es sagt den Alten, bleib noch ein Weilchen. Außerdem sei, wie wir erfuhren, täglich für leichte Unterhaltung gesorgt. Ehrenamtliche kämen und spielten Musik. Es gebe Bingo und Sitzgymnastik oder auch mal ein Quiz. Auch an Wellness-Angeboten fehle es nicht. Eine Friseurin, ein Masseur und eine Fußpflegerin würden oben im dritten Stock ihre Dienste anbieten, und ein Hausärzteteam versorge die Bewohnerschaft und böte bei Bedarf auch Hausbesuche an. Ach ja, und samstags fände immer ein Gottesdienst statt. Meine Nichte war begeistert, mein Gewissen beruhigt.
Den Umzug hat meine Schwester bewältigt, mit Unterstützung ihres Mannes und eines Schwagers, für den Möbeltransport, und mit Hilfe von Marita, die von allen Pflegekräften Mamusch die liebste gewesen war. Sie sprachen ihr Mut zu und mussten sie beruhigen, dabei sich selbst aber auch. Dann ging es ans Werk. Meine Schwester und Marita räumten die Kommode aus, die sie, außer dem Fernsehsessel, mit ins Heim nehmen durfte. Anschließend stellten sie zusammen, was das Wichtigste war, und packten es in zwei Kisten: Mamuschs Medikamente, ihren Ausweis und etwas Geld, Kleidungstücke und Waschzeug, ein paar Bilder und Fotoalben, und ihr Gebetbuch. Dann fiel die Haustür ins Schloss, hinter Mamusch und zwar für immer, und sie fuhren sie durchs Dorf, das ihre Augen zum letzten Mal sehen würden. Wäre ich dabei gewesen, hätte ich sicher die Fassung verloren.
Mein erster Besuch bei Mamusch im Pflegeheim ist drei Wochen später. Sie wohnt im Zimmer Nummer 210. Ein kleiner Schmetterling schmückt ihre Tür. Er soll ihr vielleicht sagen, hier bist du richtig. Sie hat ihn bestimmt nicht selbst ans Türblatt geklebt.
Durch den Türspalt sehe ich aufs Pflegebett, den Galgen darüber mit dem Triangel förmigen Griff, dahinter in ihrem Sessel sitzt die kleine alte Frau, die dem Tod noch mal entwischt ist. Unsere zähe Mamusch, das Hörnle im Nacken, eine Decke auf ihrem Schoß. Sie schaut vor sich ins Leere oder auf den kleinen Tisch mit den zwei Stühlen, der vor dem Fenster steht, oder auf die Kommode, wo zwei Fotos in Rahmen aufgestellt sind. Sie sitzt nichts tuend da.
Ich trete ein in ihr neues Reich, das auf die Größe dieses Zimmers geschrumpft ist. Sogleich blickt sie zu mir hin. Ihre Mundwinkel vollziehen eine Aufwärtsbewegung, und ihre Augen werden rege. Sie beginnen zu glühen. Wärme glimmt mir entgegen. Nur drei Schritte sind zu gehen, schon bin ich bei ihr. Sie hebt ihre Arme so gut sie es kann, und ich umarme sie zu ihr hinuntergebeugt. Unsere Wangenknochen stoßen kurz aneinander, auch die Brillengestelle. Ich gebe ihr einen Kuss. Wir sind etwas unbeholfen, wie entfernte Verwandte.
Stickig und zu warm ist es in Mamuschs Zimmer, und im Bad, das ich als erstes kurz aufsuchen muss, ist es regelrecht tropisch. Außerdem riecht es unangenehm, obwohl die weißen Kacheln, der blaue Duschstuhl, das Waschbecken und die Toilette vor Sauberkeit blitzen. Es riecht nach kleinen Malheurs, die niemand bemerkt hat. Nach Einschluss und Stillstand. Im Zimmer zurück ziehe ich meine Jacke aus und auch den Pullover, ein T-Shirt reicht aus.
Isch’s dir warm, fragt Mamusch.
Ja, sage ich, aber dir bestimmt nicht. Ich lächle sie an. Sicher ist es ihr kalt. Sie wird auch hier verfroren sein.
Wie die Fahrt war, will sie wissen, und ich sage, dass sie gut war. Lang, aber gut. Und im Haus, auch alles gut? Ja, antworte ich. Alles in Ordnung. Mehr will ich nicht sagen, um sie nicht aufzuwühlen. Ich wohne einfach irgendwo, wo, ist doch egal. Ich fliege ein und fliege aus. Wichtig ist, dass ich da bin. Dass ich in ihrem leeren Haus die Kühlschränke ausräumen möchte, Gefriergut entsorge, erwähne ich nicht. Dass die Zimmerpflanzen traurig aussahen, einige schon verdorrt sind, erwähne ich nicht. Sag ihr lieber, dass sie es schön hat, befehle ich mir. Mach ihr ein Kompliment. Die Kommode passt gut hier rein! So was könnte ich sagen. Und es ist doch ganz geräumig, dein Zimmer! Oder schau aus dem Fenster und lobe die Aussicht. Doch ich kriege nichts von all dem raus, streiche über ihre Hand und lächle sie an.
Gleich gibt’s Kaffee, sagt sie.
Das ist gut, sage ich, dann begleite ich dich.
Ich will sehen, wie’s hier läuft und wie sie zurechtkommt. Mir ist es auch lieber, wir gehen raus zu den andern. Lenkt uns ab von uns selber und erlöst uns von diesem Zimmer, das, überheizt wie zuhause, trotzdem nicht ihr Zimmer ist. Da helfen auch keine Bilder, das Bild mit den Engeln und die Fotocollagen unserer Familien, die meine Schwester aufgehängt und hingestellt hat. Auch die Kommode aus Mamuschs Schlafzimmer kann das Haus nicht simulieren, in das sie gehört hat. Auch nicht den Garten, der zu ihrem Haus gehört. Auch nicht das Dorf drumherum, auch nicht Kühe auf der Wiese und die bewaldeten Hügel. Das Zimmer ist wie ein Topf, ein Topf mit Substrat, in den der alte kleine Baum hineingesteckt wurde. Ihm fehlt sein Lebensraum, mit allem, was bis zuletzt dazugehört hat: Die braune Auslegeware aus den Siebzigerjahren, die verstaubten Steinkrüge auf dem Eichenhängeschrank. Ihm fehlen Mamuschs Raffgardinen, die gestickten Wandbilder, ihr zerknautschter Kissenberg in der Ecke der Eckbank, das Kruzifix im Herrgottswinkel, ihr Abrisskalender. Stattdessen überragt ein grauer Galgen das Bett, an dem an ein paar Schnüren Hilfsmittel hängen. Ehrlich und unverblümt weist der Galgen mich zurecht: Hier schläft eine alte Frau, die unterstützt werden muss, wenn sie sich aufrichten will. Oder wenn sie das Licht ein- und ausschalten möchte. Das ist wesentlich jetzt, nach allem, was war. Darauf kommt es jetzt an. Ja, denke ich, ist schon richtig, das alles, dass Mamusch jetzt im Heim ist. Trotzdem ist es befremdlich.
Ich habe ihr drei Mandarinen und drei Äpfel mitgebracht. Sie liegen auf der braunen Tüte, ausgepackt auf dem Tisch. Ich schaue mich um. Wohin jetzt damit? Mamusch hat kein Geschirr. Auf dem Tisch eine Glastasse und zwei Flaschen Wasser, ein verfaulter Blumenstrauß. Ich frag mal vorne nach einem Teller, sage ich unverzüglich, um das kleine Problem nicht wuchern zu lassen. Ich eile davon. Bin gleich wieder da! Es würde mich kirre machen! Nichts Eigenes zu essen im Zimmer zu haben. Immer essen zu müssen, was mir vorgesetzt wird. Mamusch hat keinen Kühlschrank, keinen eigenen Vorrat. Sie hat nicht mal ein Messer.
Um 14 Uhr ist Kaffeezeit. Wir bewegen uns in den Gemeinschaftsbereich, Mamusch mit Rollator, ich hinter ihr her. An den zwei langen Tischen sind schon alle versammelt: runde Rücken, kleine Köpfe, silbergraues kurzes Haar. Ich erkenne nur Frauen. Die meisten hocken auf den Stühlen, die an den Stuhlvorderbeinen mit Rollen versehen sind, manche in ihrem Rollstuhl. Eine Frau sitzt umgeben von einem weißen Kunststoffgestell, einem Laufstall auf Rädern. Nahezu schweigsam wird die Nahrung aufgenommen. Es gibt Filterkaffee, Tee aus einer Thermoskanne, dazu Pflaumenkuchen. Hin und wieder wird eine Frage gestellt, ab und an eine Antwort gegeben. Könnte ich noch einen Tee haben? Eine Frau etwa in der Mitte des Tischs. Schweigen und Löffeln. Hier bitte, dein Tee. So spricht der Pfleger. Neben mir Mamuschs Hände, ihre zitternden Hände, ich beobachte sie. Um mich herum leises Scharren. Schmeckt gut, der Kuchen. Eine Frau am Tischende. Mamusch schiebt sich ihren Kaffeebecher an ein Kännchen heran. Ja, der schmeckt gut. Die Frau gegenüber von jener, die den Kuchen gelobt hat. Mamusch fasst nach dem weißen Kännchen, während eine Pflegerin um den Tisch herumgeht, auf einer Platte der restliche Kuchen. Wer will noch ein Stück, fragt sie in die Runde. Nein, kein Kuchen mehr, sagt Mamusch vor sich hin und verschüttet die Milch. Ich wische die weiße Pfütze mit einer Serviette auf. So blöd wird man, murmelt Mamusch. Die Pflegerin bringt einen Lappen und wischt einmal nach. Nicht schlimm, tröstet sie. Das Personal ist aufmerksam, sanftmütig, freundlich.
Unten in der Eingangshalle singt ein Mann im Rentenalter alte deutsche Volkslieder, Liebes- und Heimatlieder. Er singt zur Gitarre. Aus allen Wohngruppen schiebt und rollt sich, auf zwei Etagen, seine Hörerschaft heran. Manches wird mitgesungen, mit zaghaften Stimmen. Ich halte mehrmals die Glastür auf, schaue runter auf den Sänger, betrachte sein Publikum, (auf zwanzig Frauen kommt ein Mann), ich kehre an den Tisch zurück. Mamusch will nicht dazu, und auch Ingrid will nicht hin, die gegenüber von ihr sitzt. Das gibt‘s doch fast jeden Tag, erklärt die missmutig. Und wir hören es auch so, pflichtet Mamusch ihr bei.
Um ein Gespräch in Gang zu bringen, erzähle ich von Hinterpommern und einem kargen Taglöhnerleben, von einem Buch, das ich lese. Das erinnert die beiden an ihre eigene schwere Zeit, an die Kriegszeit und danach. Sie erzählen vom Hunger, vom Mangel an Brennholz, von der guten alten Berta, bei der es für sie, als sie noch Kinder waren, Kartoffelsuppe mit Rahm gab. Ingrid schwärmt von ihrem Mann. Der habe so viel gewusst, ein kluger Mensch sei er gewesen. Was der gesagt hat, das war mein Evangelium, bringt sie es auf den Punkt. Sie betont das mit einem strahlenden Blick und nickt dabei bedeutungsvoll, bevor ihr Lächeln zerfällt. Seit er tot ist, sagt sie, ist mir alles gleichgültig. Dann haben Sie eine schöne Ehe gehabt, nehme ich den Faden auf, in der Hoffnung, sie möge noch ein wenig weiterschwärmen. Ja, das war sie, sagt sie. Dann aber nickt sie nur noch und starrt vor sich hin. Und was ist mit Mamusch? Sie ist noch viel schwerer zum Sprechen zu bringen. Einsilbig ist sie. Ein gedankenloser Geist. Wie eine Mutter-Attrappe sitzt sie da neben mir. Wir haben keinen Kontakt.
Ich möchte mit ihr hinaus, der Oktober ist mild, zwischendurch wird es sonnig. Wir könnten an der frischen Luft sein, ungestörter und vogelfrei. Familie ist Heimat, sie braucht keinen Ort. Home is where your heart is. Doch es stehen zu viele Rollatoren und Stühle und das weiße Laufgestell zwischen uns und dem Fahrstuhl. Wir kommen nicht durch. Und als das letzte Lied verklingt, erheben sich schon die ersten. Eine nach der anderen rollt uns mit kleinen Schritten entgegen. Als der Weg endlich frei ist, lohnt es sich nicht mehr, das Haus zu verlassen. Bald schon gibt‘s Abendessen.
Wir gehen auf Mamuschs Zimmer, wieder hinein in die eingesperrte Wärme. Es widerstrebt mir zu atmen. Als Mamusch im Bad verschwindet, öffne ich rasch das Fenster und drehe die Heizung etwas zurück. Ich hole tief Luft. Da musst du durch, denke ich, alle müssen wir hier durch. Du hast eine Mission: Du willst sie besuchen die nächsten fünf Tage. Ihr neues Leben miterleben. Einen Unterschied machen im Pflegeheim-Alltag. Ihr Freude bereiten. Als sie hereinkommt, gebe ich ihr eine Decke und schließe das Fenster. Ich starte für sie einen Video-Call. Sie spricht mit Marita. Bei ihr war sie in Obhut, als sie noch zuhause lebte, rund um die Uhr. Marita hat sie umsorgt, wie es niemand von uns konnte. Sie ersetzte uns Töchter. Es ist schön, dass Mamusch Marita sieht, während sie miteinander sprechen, im Kleinformat und lippensynchron. So entsteht etwas wie Nähe, Maritas Präsenz. Danach baue ich Brücken über das Schweigen, das sich sofort wieder ausbreiten will, unablässig zwischen uns. Diese fremde Umgebung verschlägt uns die Sprache.
Die letzte Brotzeit wird schon abends um 17 Uhr eingenommen. Inzwischen frage ich mich, was meine Nichte gemeint hat, als sie mir schrieb, die Gemeinschaft der Frauen hätte sie sehr beeindruckt. Sie würden sich unterstützen, würden nett quatschen, und es würde viel gelacht. Ich nehme es anders wahr. Mamusch und Ingrid können nur zwei mit Namen ansprechen. Es scheint sie nicht zu interessieren, wie die anderen heißen, oder die Namen löschen sich aus ihrem Gedächtnis, sobald sie sie gehört haben. Ich sehe eine Gemeinschaft, die mangels Alternativen jeden Tag gesucht wird. Die Frauen setzen sich zusammen, nach dem frühen Abendessen, weil alleine in ihrem Zimmer zu sein, eine unerträgliche Zumutung wäre. Sie bezwingen ihre Einsamkeit in ihrem Sofa- und Stuhlkreis. Sie sitzen die Zeit ab wie in einem Wartesaal. Sie beruhigen sich gemeinsam, manche dämmern vor sich hin, andere lauern auf etwas, was vielleicht geschehen könnte. Ich bleibe ein Zaungast. Ich habe mich dazugesetzt und lauere auch. Auf jedes Räuspern und Rollstuhlquietschen, auf jede kurze Bemerkung, was die Stille durchbricht. Noch ein Stuhl, bitte, Manfred, sagt eine Frau, die von allen die Größte ist und außerdem hervorsticht mit ihren rötlich gefärbten Haaren. Kommst du durch, fragt eine andere den Pfleger, der die Frau im Laufgestell vor sich her in einen Flur schiebt. Ja, geht schon, sagt er. Danke danke, sagt eine Dritte, die immer verschmitzt und vielsagend guckt. Dann setzt wieder Stille ein. Ein Lauern und Dämmern. Letztes Jahr war’s noch wärmer, sagt dann nach einer Weile die große Rotgefärbte. Ja, stimmt, du hast Recht, murmelt neben ihr eine Sitznachbarin. Einige nicken.
Ich kann es kaum glauben, wie viel kollektives Schweigen sie zusammen aushalten, mit wie wenig sich alle abfinden können. Die Wortführerin spricht laut und verständlich, an die Runde gerichtet. Antwort kommt jedoch meist von der Verschmitzten, die dabei Grimassen zieht. Außer den beiden tut sich höchstens noch Ingrid hervor. Offenbar ist ihr Missmut bestens bekannt, deshalb wird sie geneckt. Darauf reagiert sie mit markigen Sprüchen. Für alle vernehmbar die eigene Stimme zu erheben, in der Öffentlichkeit, was auch diese Runde im Grunde genommen ist, das Wort zu ergreifen, trauen sich die meisten nicht. Sie hören nur zu. Auch Mamusch ist zu schüchtern und gehört zu den Stummen.
Dann aber kommt Kurt. Ein Bewohner mit Rollator, in Jeans und kariertem Hemd, mit einem Pflaster auf der Wange. Er nähert sich mit flinken Schritten, munter und schnell. Stehenbleiben und setzen, ruft die Verschmitzte, als er die Gruppe erreicht hat. Kurt lacht. Ich mach immer, was mir gesagt wird. Er wendet den Rollator und lässt sich auf den Riemen plumpsen. Als hätten alle geschlafen und eine Weckmelodie hätte sie sanft in die Gegenwart geholt, richten sich die Frauen auf. Frohe Erwartung tritt in die Gesichter, sie öffnen ihre Augen und welche noch geschmollt hat oder trübsinnig aussah, tut die alte Maske weg und setzt sich eine auf, die heiterer ausschaut. Auch Mamusch ist aufgewacht. Sie lächelt Kurt an. Und ich bin mir fast sicher, dass auch ich ihn anlächle. Er ist kaum eingebogen, schon hat er seine gute Laune versprüht, die sonst keine hier hat.
So, wann gibt’s den Rotwein, fragt Kurt in die Runde und erzählt von seiner Flasche, die er noch im Zimmer hat. Und dass er die trinken will, aber doch nicht alleine. Die Frau, die mit ihm getrunken habe, jeden Abend ein Gläschen, die gute alte Wirtin mit den schönen roten Bäckchen, sei ja leider verstorben. Ein Scherz, denke ich. Der Mann ist ein Witzbold. Die Verschmitzte sagt, morgen, gleich morgen, sie fuchtelt sich Luft mit beiden Händen ins Gesicht, und die Rotgefärbte pflichtet ihr bei, ja, morgen ist gut, lieber früher als später, und es wird reihum geulkt, wieviel jede abbekommt, wieviel jede trinken will, und ich kann mich nicht beherrschen, auch wenn ich es nicht ernst nehme. Ich mache den Vorschlag, sie könnten die kleinen Tablettenbecher benutzen, die wären ganz sicher auch winzig genug. Nein, nein, lacht da Kurt. Er habe schon Manfred, den Pfleger, gefragt. Es sei alles ausgemacht. Er brauche morgen echte Gläser.
Wie sich herausstellt, gehört Kurt zur anderen Wohngruppe auf der gleichen Etage. Er kommt, wie ich erfahre, jeden Tag um diese Zeit. Sie haben auf ihn gewartet.
Es fühlt sich wie ein Ausbruch an aus der Monotonie eines faden langen Tages. Ein vergnügter Höhepunkt. Sie sind albern zusammen, und durch die Aussicht auf Kurts Rotwein kommt Vorfreude auf. Allmählich glaube ich es. Sie verabreden sich, sie meinen es ernst.
Mamusch ist noch immer stumm, doch ich sehe ihr Lachen, wofür wir sie lieben. Kurt sitzt neben ihr und zwinkert ihr zu.
Na, dann bis morgen zur Party, sage ich, als ich gehe. Ich gebe Mamusch einen flüchtigen Kuss und verabschiede mich. Sie ist überrascht, aber gut abgelenkt. Es ist der beste Moment. Später wäre es schwerer.
